„Ich tötete Mufasa“

I killed Mufasa

Der ewige Kreislauf des Lebens, das unendliche Rad der Zeit: Der große Fisch frisst den Kleinen, der kleine Löwe tritt in die Fußstapfen des Großen. So war es immer, so soll es immer sein. Doch manchmal, ja, manchmal da kommt der Kreis ins Wanken, da blockieren Steine das Rad, da gerät die Ordnung aus ihren Fugen. Manchmal ist es Schicksal, nur ein dummer Zufall, eine winzige Kleinigkeit. Und manchmal bringen andere, brutale Mächte das Verderben, wie eine große intrigante Spinne, die Pläne webt, wie ein gerissener Löwe, der den Thronfolger zum Vatermord treibt.

Eine gnadenlose, eine grausame Ironie ist es, die den Thronfolger an den Rand des Königsfelsen trieb. Es sind nur wenige Zentimeter, die ihm vor dem Sturz, vor dem sicheren Tod bewahren, nur wenige Fingerbreit harten Steins, die letzte Kraft in den Pfoten – und die unbarmherzigen Klauen seines Onkels. Es ist keine rettende Hand, die ihm dort im letzten Moment gereicht wird, es ist eine kurze, eine sadistische Lebensverlängerung, die den Peiniger den Moment seines absoluten Triumphes noch ein wenig länger genießen lässt.

Wo er das schon einmal gesehen habe, fragt sich der unrechtmäßige König des gelobten Landes, voller Hohn und Spott, genau wissend, dass es Simbas Vater war, der in einem nahezu identischen Szenario den Tod fand. Den Tod durch die Hand Scars, dem Königsmörder, dem Thronräuber. Soll auch Simba so sterben? Sollte auch er in die Tiefe stürzen, mit hämisch geflüsterten Worten im Ohr und dem süffisanten Grinsen seines Mörders vor Augen? Wahrlich, der junge Prinz wünschte sich auf andere Art und Weise in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Dieser Moment, dieser eine Augenblick, wenn sich Scar nach vorne beugt und seinem Neffen drei Worte ins Ohr wispert, hier entfaltet das Kino seine unglaubliche Kraft. Hans Zimmers großartiger Score, die tollen Animationen und stimmigen Bilder – cineastische Komposition in perfekter Form. Ernsthaft, diese Szene hat einen Eintrag im Wörterbuch unter ‚episch‘ verdient.

Auch zeigt sich hier die detaillierte und feine Zeichnung des Antagonisten. Scar ist, man verzeihe die Ausdrucksweise, schlicht und ergreifend ein gottverdammtes Badass, einer der besten Bösewichte, die jemals die Kinoleinwand besiedelten. Intrigant und gerissen plante er nicht nur den Tod seines eigenen Bruders, er besitzt auch noch die Nerven den Neffen auf exakt dieselbe Weise über den Jordan zu schicken, manipuliert dabei dessen Mutter und Sandkastenfreundin untätig dieser Schandtat beizuwohnen. Ja, es gelingt ihm sogar Simba selbst so zu täuschen, dass dieser das über ihn verhängte Todesurteil nahezu widerstandslos akzeptiert.

Naja, zumindest fast. Denn neben seiner Genialität besitzt Scar auch ein überdimensionales Ego und einen ausgeprägten Sinn für Schadenfreude. Letztlich scheitern seine Ambitionen an eben jenen zwei Sätzen, die zwar diegetisch eine klischeebeladene Dummheit sondergleichen sind, die aber auch jetzt noch, zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch Gänsehaut erwecken und einen kalten Schauder den Rücken herunterjagen: „And here is my little secret: I killed Mufasa!“

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3 Kommentare zu “„Ich tötete Mufasa“”

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