Meinung: Preispolitik aus dem Wunderland

Walt Disney Schloss

Die Walt Disney Company steigerte ihren Umsatz von ca. 38.063.000.000 US Dollar im Jahre 2010 auf ca. 48.813.000.000 US Dollar im Jahr 2014 (Quelle). Im Herbst 2012 erwarb Disney die Rechte an Star Wars für rund 4 Mrd. US Dollar, im August 2009 kauften sie Marvel für 4,24 Mrd. US Dollar auf. Betrachtet man die Box Office Ergebnisse (Quelle) der letzten fünf Jahre, sieht man, dass jedes Jahr mindestens ein Film mit Disney-Beteiligung unter den Top-5 der umsatzstärksten Filme war – 2010 stellten sie gar die besten drei Filme. Die Financial Time listete Disney im März 2013 in einer Auflistung der größten börsennotierten Unternehmen auf Rang 56 mit einem Marktwert von 102.548.800.000 (Quelle).

Gleichzeitig befindet sich das Kino in einer Krise. 2014 erwarben ca. 1,26 Mrd. US-Bürger ein Kinoticket, eine Zahl, die letztmals 1995 untertroffen wurde (1,21 Mrd. Kinogänger; Quelle). Als Gründe für die rückläufigen Zuschauerzahlen wird die immer teurer werdende Technik, v.a. durch den 3D-Trend verursacht, und damit steigende Ticketpreise ebenso angeführt wie die stärker werdende Konkurrenz von Streaming-Seiten. Auch die zunehmende Popularität des Serienformat, welches weniger durch Effekte glänzt, als viel mehr ein gigantisches erzählerisches Potential offenbart, dürfte eine Rolle spielen. Dem amerikanischen Kino geht es schlecht, dem Deutschen nicht besser. Zwar konnte der Umsatz seit Beginn der 2000er Jahre auf etwa 1 Mrd. Euro hochgeschraubt und in etwa in diesen Regionen gehalten werden, die Zuschauerzahlen sinken jedoch auch in deutschen Gefilden permanent (Quelle Übersicht und Detail). Dabei sind es vor allem die Kinos auf dem Land, die keiner großen Kette angehören, die in finanzielle Bedrängnis geraten.

In knapp zwei Wochen erscheint The Avengers 2: Age of Ultron, ein Film der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erneut die 1 Mrd. Marke knacken wird und der wohl tatsächlich die Bezeichnung Block-Buster verdient. Disney und Marvel haben es geschafft, die Vorteile des seriellen Erzählens mit dem Spektakel der Kinoleinwand zu kombinieren und einen enorm hohen Qualitätsstandard für ihr Cinematic Universe angelegt, alles andere als ein sehr guter Film wäre eine große Enttäuschung. Und dennoch, ich werde ihn wahrscheinlich nicht im Kino sehen.

Wie im Lauf der Woche bekannt wurde, entschied sich Disney, ihre Preispolitik zu verändern. Statt den üblichen 47%, die der Verleih an jedem Kinoticket verdient, sollen es nun 53% sein. Keine große Zahl mag man denken, vor allem da Verleih und Produktion das Risiko tragen und das Kino letztlich ’nur‘ den Film zeigt, die anderen das Risiko tragen, man könne über diesen Vorschlag durchaus diskutieren, ebenso wie die unterschiedlichen Preisbedingungen, die Disney ebenfalls abschaffen möchte, zwischen Kinos in städtischer und ländlicher Umgebung. Trotzdem ist diese neue Forderung ein Schlag in die Magengrube für die Kinobesitzer, v.a. in kleineren Orten.

Die Art und Weise, wie Disney vorging ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Jeder, der sich mit dem Medium Film beschäftigt, weiß um das finanzielle Potential von The Avengers. Disney setzt hier den Kinobetreibern die Pistole auf die Brust, ohne Vorwarnung, etwa drei Wochen vor Kinostart, so dass diese kaum Zeit haben zu reagieren. Dieses Vorgehen grenzt an Erpressung! Und seien wir ehrlich: Ein Unternehmen, dass einem einzelnen Angestellten rund 50 Mio US Dollar für seine Beteiligung an besagtem Projekt zahlen kann, dass kann auch auf die 6% verzichten.

Leidtragende sind zwei Gruppen: Die Besitzer kleinerer Kinos, die unerwartet 6% mehr abdrücken müssen und der Zuschauer, auf welchen die Preissteigerung weitergeschoben wird. Wie hoch diese konkret wäre, einige spekulieren über ca. 5€ bei entsprechenden Filmen, ist nicht bekannt, ebenso wenig wie man die genauen Folgen für kleinere Kinos ohne genaue Einsicht in Akten und Bilanzen benennen kann. Trotzdem bin ich absolut für den von rund 200 Kinos ausgerufenen Boykott! Diese werden den Film nicht zum Kinostart zeigen – und hoffentlich nicht einknicken.

Disney kann hier einen Präzedenzfall schaffen, bei dem weitere Verleihe nachziehen, die Preisstabilität ist grundsätzlich gefährdet! Soll Zuschauer und Kinobesitzer vor jedem großen Film um eine kurzfristige Preiserhöhung fürchten? Ich persönlich wohne in einer Großstadt, mit zahlreichen Kino(ketten) in Reichweite, ich werde vom Boykott von Seiten der Kinos nicht betroffen sein und habe definitiv die Möglichkeit The Avengers 2 im Kino zu sehen. Wenn Disney allerdings nicht zurückrudert, werde ich auf die Free-TV oder Netflix Veröffentlichung warten und auf einen Kinobesuch verzichten.

Nur fürchte ich mich beinahe vor dem Dezember, denn Star Wars Episode 7 darf getrost zwei Level über The Avengers angesiedelt werden. Und ich fürchte, dass Disney ähnliches erneut versuchen wird – und ein Verzicht auf diesen Film wird für mich persönlich bedeutend schwieriger!

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11 Kommentare zu “Meinung: Preispolitik aus dem Wunderland”

  1. das war er, der 100. Kommentar (yay). Hätte eigentlich erst ein Filmkritik zu einem meiner Lieblignsfilme (Scott Pilgrim vs. The World) werden sollen, aus aktuellem Anlass aber ein traurigeres Thema…

    1. GW zur 100. 😉
      Das wirklich traurige daran ist doch, dass man noch nie zuvor direkt gesehen hat, wie geldgeil die Verleihe & Studios eigentlich sind. Anstatt den kleinen Kinos unter die Arme zu greifen und die Kinolandschaft überhaupt zu (unter)stützen, wird ihnen deftig in die
      Schnauze getreten. Vollkommen unverständlich und irrational. Warum über zurückgehende Besucherzahlen den Kopf zerbrechen, wenn wir einfach knapp 6% auf den Preis klatschen können? … Ich bin sprachlos. Dass solche Blockbuster auch nicht günstiger werden verstehe ich ja, aber solche Gagen schon nicht mehr…
      „Dafür werden Filme gemacht“ am Arsch.

      Jetzt ist aber die Frage, warum sie damit überhaupt durchkommen und es keine regulierenden Richtlinien für splche Dreistigkeit gibt.

      1. gracias 😀
        stimmt, bin auch aus allen Wolken gefallen, als ich es (am Montag wars glaub ich) über eine Facebook-Gruppe gesehen hab… gerade der Verleih ist eigentlich komplett unscheinbar im Hintergrund, man sieht zwar immer schön das Logo, aber verbindet sie eigentlich ausnahmslos mit positiven Erfahrungen, alles negative bleibt eher an Regisseur, Schauspieler usw. hängen. Gerade von der betriebenen Preispolitik bekommt man als Durchschnittsbürger gar nichts mit. Ich konnte auch im ersten Augenblick nicht mal ansatzweise einschätzen, ob die 47 bzw. 53% viel oder wenig sind.
        wäre evtl. mal interessant zu sehen, wer genau was von einem einzelnen Ticket bekommt

        aber gerade beim Kinoticket muss der Verleih eigentlich kürzer treten! Die kassieren schon durch das Franchise und DVD Verkäufe usw ordentlich ab (Avengers 1 Steelbook startete bei 30€ im Handel…) rein gefühlsmäßig hätte ich vermutlich auf einen Prozentsatz von 35-40% für den Verleih getippt, aber derjenige, der den Film zeigt, Technik und Räumlichkeiten stellt und ohnehin schon in einer Krise ist soll über die Hälfte seiner Einnahmen abtreten? Schon ein wenig viel…

      2. Mir war vorher auch überhaupt nicht bewusst, wie hoch diese Filmmieten überhaupt liegen können. Hätte gerne mal den von anderen Verleihen erfahren, schätze aber die liegen teils erheblich drunter.
        Mich würde auch eine genauere Auflistung der Gewinnverteilung reizen. Marvel erhält ja auch ein wesentliches Stück vom Kuchen, der Reingewinn geht da ja nicht nur an WDS. Zumal ich nicht weiß, inwieweit Schauspieler über ihre Gage hinaus noch einen prozentualen Anteil des Einspielergebnisses für sich beanspruchen können. Meine mich wage zu erinnern, dass es bei einem Marvelfilm mal so war, festnageln lassen möchte ich mich darauf aber nicht.
        Tja, da wären wir wieder bei der Kernaussage, die kleinen Kinos werden gepflegt ausradiert. Hässliche Sache.
        Vielleicht die finanzielle Vorsorge für die Zukunft (des MCU). Wobei die sicher die letzten sind, die sich darum sorgen müssen. Bei dem Börsenwert… Argh, Aufreger der Woche, des Monats, des Jahres…

  2. Ich bewundere diese Entscheidung sehr – das MCU nähert sich für mich dem SW-Status inzwischen doch ziemlich stark an, und ich habe mich viel zu intensiv mit ihm beschäftigt, als dass ich noch allzu viel länger warten können (bzw. wollen) würde.
    Diese Politik geht natürlich trotzdem überhaupt nicht, und ich hoffe, dass Disney sich besinnt und so etwas nicht auch bei Star Wars abzieht. Die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zuletzt.

    1. Danke 😀 ich muss aber auch sagen, dass ich kein großer Comic- Leser bin und entsprechend keine emotionale Bindung jenseits der Filme zu marvel habe, das Opfer wird also nicht sooo groß (auch wenn ich mich natürlich auch sehr auf den Film gefreut hatte… )

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