Vom Genre II: Die Meta-Genres

Stirb Langsam (1988)
Die Hard

Filmgenres lassen sich dabei grob in jene einteilen, die über ihr Setting, ihre Handlung oder über eine transportierte Emotion funktionieren. Auch das Zielpublikum spielt eine gewisse Rolle. Ein Western kann nur in den Vereinigten Staaten im ausgehenden 19. Jahrhundert funktionieren, ebenso wie der Gangster-Film eines kriminellen Milieus bedarf. Für den Action-Film wiederrum ist es egal, ob Terroristen eine Weihnachtsfeier stürmen und die Frau eines Polizisten sich unter den Geiseln befindet oder ob Arbeiter einer Ölplattform eines Asteroiden zerstören müssen, ehe er die Erde erreicht. Es geht um den möglichst spektakulären Kampf Einzelner gegen eine verschiedengearteten Übermacht. Diese kann ein bösartiges Regime sein, ein Schurke der die Weltherrschaft anstrebt oder auch eine Naturkatastrophe sein. Und letztlich jene Filme, die in erster Linie den Zuschauer emotional zu manipulieren versuchen, wie der angsterzeugende Horrorfilm oder der fesselnde Thriller.  Ausnahmen, wie der Alpen-Western Das finstere Tal (R: Andreas Prochaska, DT/AU 2014), bestätigen die Regeln.

From Dusk Till Dawn
From Dusk till Dawn

Grenzen einzelner Genres sind fließend – nicht nur bei Filmen wie From Dusk Till Dawn (R: Quentin Tarantino, USA 1996), die bewusst auf halber Strecke ihr Genre wechseln. Alien (R: Ridley Scott, USA 1979) verschmelzt gekonnt Elemente aus Horror und Science Fiction-Film, The Godfather (R: Francis Ford Coppola, USA 1972) ist ein im Setting des Kriminalfilms angesiedeltes Familien-Melodram und Raiders of the Lost Ark (R: Steven Spielberg, USA 1981) vermischt den Abenteuerfilm mit Action und Fantasy. So ist es wenig verwunderlich, dass sich kaum ein Film eindeutig einem einzigen Genre zuordnen lässt.

Fließend ist aber nicht nur die Kategorisierung einzelner Filme, sondern auch die bloße Existenz einzelner Genres. Es gibt unzählige Subgenres und Stilrichtungen, bei denen unklar ist, ob sie überhaupt als eigenes (Sub)Genre verstanden werden dürfen. Berühmtestes Beispiel sollte die Diskussion sein, ob der Film noir ein eigenes Genre bildet, oder aber ob er lediglich ein filmischer Stil ist. Beispielsweise aber auch das Superheldenkino, das mit seinen festen Konventionen als eigenes Genre oder aber als Bestandteil des Science-Fiction-Kinos begriffen werden kann, ob der Anti-Kriegsfilm – bei dem bereits die Bezeichnung als Anti-Kriegsfilm zumindest fragwürdig ist – ein Ableger des Action-Films ist, oder andersrum, ob der Action-Film überhaupt existiert und nicht viel eher Auswirkung eines Stilmittels und eine bloße Erzählweise ist. Auch unterliegen die einzelnen Genres einem permanenten Wandel und neue Genres entstehen in großer Regelmäßigkeit.

In der Filmwissenschaft haben sich insgesamt zehn Meta-Genres herauskristallisiert, die aber zum einem in erster Linie ein theoretisches Konstrukt und in der Praxis in ihrer Reinform kaum erreichbar sind zum anderen auch nicht unumstritten sind. Diese Meta-Genres werden im Folgenden kurz dargestellt:

Winchester 73
Winchester 73

Der Western ist so ziemlich das am eindeutigsten zu identifizierende Genre. Er spielt im Nord-Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts und verhandelt den Ur-Konflikt zwischen Zivilisation und Wildnis, meist in Formeiner gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Farmern und Indianern oder Gesetzeshüter und marodierender Bandenmitglieder. Spielarten des klassischen Western finden sich beispielsweise im Italo-Western, im Indianerwestern oder im Neo-Western.

Im Musical werden die entscheidenden Konflikte des Films via Tanz und Gesang ausgetragen. Gewöhnlich bedient sich das Musical in seiner Handlung und seinem Setting bei anderen Genres, wie dem Melodrama, der Komödie oder dem Western.

Modern Times
Modern Times

Die Komödie versucht den Zuschauer zum Lachen zu bringen. Dieses Genre definiert sich ausschließlich über seine emotionale Wirkung und beinhaltet ein breitgefächertes Angebot an Schauplätzen und Figurenkonstellationen. Spielweisen der Komödie sind u.a. die Liebeskomödie, der Parodien, Slapstick-Komödien oder die Teenie-Komödie.

Der Liebesfilm erzählt von der Liebe zweier Protagonisten, die entgegen diverser Umstände und Widrigkeiten zu Stande kommt oder eben diesen widerstehen muss. Es existieren zwei grundlegend verschiedene Richtungen des Liebesfilms: Hat der Film einen heiteren und unterhaltsamen Charakter, so bezeichnet man ihn als Romanze, dominieren Fatalismus und Tragik wird vom Melodram gesprochen.

Im Abenteuerfilm werden große und epische Reisen und spannende Abenteuer erzählt. Dieser hat eine sehr große Spannweite und reicht vom Mantel- und Degenfilm über den Piraten- und Ritterfilm bis zum Roadmovie. Im Abenteuerfilm erfreuen sich Fantasy-Elemente einer zunehmenden Beliebtheit.

Lord of the Rings
The Lord of the Rings

Im Phantastischen Film tritt das Übernatürliche in drei verschiedenen Formen in Erscheinung: durch Technologie im Science-Fiction-Film, durch das Bedrohliche im Horror-Film und durch das Wunderbare im Fantasy-Film. Die Science-Fiction handelt von Zukunftsvisionen, sowohl technischer als auch dystopischer oder utopischer Art und von intergalaktischen Konflikten. Im Horror-Film werden die Urängste des Menschen durch den Einfall von Monstern und Geistern verhandelt, während im grundsätzlich positiv konnotierten Fantasy-Film Stoffe aus internationale Märchen, Sagen und Legenden neu erzählt werden.

Kriminalfilme handeln von Verbrechen und ihrer Aufklärung – aus Perspektive der Ermittler im Polizei- oder Detektivfilm, aus Perspektive der Täter im Gangsterfilm. Auch der Thriller mit seinen verschiedenen Spielarten ist meist im Kriminalfilm angesiedelt.

Saving Private Ryan
Saving Private Ryan

Auch der Kriegsfilm hat eine grundsätzliche Zweiteilung: Je nach ideologischer Ausrichtung wird er als Anti-Kriegsfilm oder als Propagandafilm bezeichnet. Weitere Perspektiven werden im Söldnerfilm, dem Kriegsabenteuer oder auch dem Gefangenenlagerfilm hinzugefügt. Der Kriegsfilm thematisiert, wie der Name schon sagt, Kriegshandlungen aus unterschiedlichen Epochen.

Der Erotische Film ist das zweite Meta-Genre, das sich über seine emotionale Intention definiert. Er handelt von der Darstellung und Erzeugung sexuellen Begehrens. Sie sind entweder implizit, wie im Erotikthriller und nähern sich häufig dem Melodram an, oder explizit in Hardcore- und pornographischen Filmen.

Im Kinder- und Jugendfilm werden andere Genres für die jeweilige Zielgruppe adaptiert. Viele Animationsfilme sind auf ein jüngeres Publikum ausgelegt, ebenso wie zahlreiche Komödien und Coming-of-Age-Filme. In jüngerer Vergangenheit erfreute sich der auf ein jugendliches Zielpublikum ausgelegte Science-Fiction-Film einer immer größeren Beliebtheit.

< Part I: Repetition und Variation – Part III: Abgrenzungen des Genrekino >

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2 Kommentare zu “Vom Genre II: Die Meta-Genres”

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