Der weiße Hai (1975)

Der weiße Hai (1975)

Eine neue und überarbeitete Fassung dieser Rezension findet Ihr hier.

Der weiße Hai

Jaws (R: Steven Spielberg, US 1975, 124min)

Ampel - Gelb

You're gonna need a bigger boat.
(Brody)

Unerbittlicher Jäger der Tiefe, gnadenloses Grauen, die verkörperte Angst vor den unbekannten Gefahren des Meeres – der weiße Hai. Mit nackten Zahlen verglichen ist die Angst vor dem Hai lächerlich. Die Zahl der jährlichen Hai-Attacken bewegt sich meist im höheren zweistelligen Bereich, die mit Todesfolge im niedrigen Einstelligen. Und trotzdem herrscht eine nahezu allgegenwärtige, irrationale Furcht vor dem Schrecken der Meere. Beachtlichen Anteil an dem Mythos des unbarmherzigen Killers hat Spielbergs Tierhorror Jaws (1975), welcher eine Hysterie und regelrechte Jagd auf Haie weltweit auslöste. Eine sehr bedauerliche Begleiterscheinung, die ironischerweise mehr über das Wesen des Menschen verrät, als der Film über Haie.

Das verschlafene kleine Küsten-Städtchen Amity wird belagert. Ein Hai treibt sein Unwesen, auf eine erste zerfleischte Leiche folgen schon bald weitere – und das kurz vor Beginn der Touristensaison. Zu spät für einige Badegäste wird der Haijäger Quint angeheuert, der gemeinsam mit Polizeichef Brody und Meeresbiologe Matt Hooper die Bestie zur Strecke bringen soll.

Im folgenden Duell thematisiert Spielberg geschickt Urängste des Menschen, insbesondere die Furcht vor dem Unbekannten. Der Hai bleibt lange Zeit unsichtbar, welche Gefahr die Strandbesucher terrorisiert darf sich der Zuschauer selbst ausmalen. Untermalt von John Williams brillanten Score entwickelt sich eine beklemmende Atmosphäre, in der die Furcht nicht durch Grausamkeiten oder Schock verursacht wird, sondern deutlich subtiler, eindringlicher. Sicher wurde die Wirkung, unter anderem auch wegen zahlreicher Kopien bei der Vorgehensweise, etwas verwässert – doch sie ist zweifelsohne auch vierzig Jahre nach Release deutlich spürbar.

Die Handlung ist denkbar simpel: Eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit taucht auf – die Bedrohung muss beseitigt werden. Parallelen zu nahezu sämtlichen Tier-Horror-Filmen, aber auch zu Streifen wie Jurassic World sind augenfällig. Was diesen Film so besonders macht ist neben der bereits angesprochenen grandiosen Atmosphäre die Abhandlung zahlreicher Themen, ohne den Film zu überfrachten.

Der Hai wird zum weißen Wal, der mit Ahab’scher Besessenheit verfolgt wird, Angst, Ignoranz und Hybris rufen und mehren das Verderben. Es ist das uralte Prinzip, der ewig neue Konflikt zwischen Mensch und Bestie, zwischen Zivilisation und Wildnis, der hier verhandelt wird. Die kapitalistisch inspirierte Gier, der Willen, den Profit über die Sicherheit der Mitmenschen zu stellen, macht die offensichtlichste Lösung, das Wasser einfach zu meiden, bis der Hai weiterzieht, unmöglich. Und so werden schließlich drei verschiedene Typen auf weiter See in ein kleines Boot gepfercht, die exemplarisch für die Menschheit gegen die Gefahr der Wildnis kämpfen müssen, die, ganz dem amerikanischen Frontiermythos entsprechend, das gefährliche Gebiet befrieden und die Bedrohung ausschalten müssen. Rasch entwickelt sich das kleine Kammerspiel an Bord in eine pathetische Geschichte von ungewollten Heldenmut und Opfer – und zu einem fulminanten und actiongeladenen Finale.

Die subtile Gangart der ersten Hälfte verschwindet, die subtile Angst weicht realem, augenscheinlichen Terror. Der allgegenwärtige Hai taucht mit der gesamten Kraft der wilden See auf, die Nussschale, die im Vergleich zu diesem Untier die Bezeichnung Boot kaum verdient, kann der Macht des Meeres unmöglich widerstehen.

Jaws war prägend, ist noch immer prägend und hat den Ruf des Klassikers ohne jeden Zweifel verdient.

 

 

Advertisements

Ein Kommentar zu “Der weiße Hai (1975)”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s