Es ist auch mein Land

Vereinigung BRD/DDR
Quelle: HdG

Anmerkung: An diesem Beitrag schreibe ich seit einem knappen Monat, somit auch schon vor den Landtags-Wahlen, ohne aber auf diese irgendwie explizit einzugehen. Ich habe hier eine relativ spontane Meinung zu den Wahlen geschrieben. Dieser Beitrag hat nichts mit Film zu tun, sondern mit politischen und sozialen Themen, stellt eine Ausnahme dar und wird auch eine Ausnahme bleiben. Der Grund, wieso ich es hier veröffentliche ist einzig und allein die Reichweite, die sonst an keiner anderen Stelle im World Wide Web habe. Ab morgen werde ich mich wieder vermehrt dem eigentlichen Kerngebiet hier widmen.

Zentrales Element dieses Blogs ist und bleibt der bewegte Film in all seinen Formen und Facetten. In den vergangenen knapp über drei Jahren habe ich darauf immer sehr viel Wert gelegt. Ich wollte keinen ‚typischen‘ Blog in Form eines virtuellen Tagebuchs, das querfeldein alle Themen abgrast. Auch habe ich stets versucht die Community-Anteile, wie den Media-Monday, diverse Stöckchenspielchen oder Meinungen relativ klein zu halten. Hier und jetzt mache ich eine Ausnahme.

Wieso? Weil ich es für ein enorm wichtig halte, weil ich mich immer noch der naiven Illusion hingebe, dass in einer Demokratie die öffentliche Meinung von Relevanz ist und diese auch von einzelnen Stimmen der Vernunft beeinflusst werden kann.

Werft mir an dieser Stelle ruhig Arroganz vor, wenn ich mich hier selber als eine Stimme der Vernunft inszeniere, doch das ist nicht meine Absicht. Meine Absicht ist es viel mehr, zur Vernunft aufzurufen, dass jeder auch nur einen Moment in sich geht und nachdenkt, ehe irgendwelche Parolen, welcher Art auch immer, skandiert werden.

Vernunft und eigenständiges Denken vermisse ich in der öffentlichen Diskussion zunehmend. Ja, ich bin nicht großartig politisch interessiert und ich lebe seit mittlerweile einem halben Jahr im Ausland, entsprechend beschränkt ist auch mein Medienkonsum. Das aber, was man, was ich, dennoch mitbekommen habe, ist gelinde gesagt erschreckend und schockierend.

Lange Zeit konnte man viele Parolen als das Gut geistig limitierter Menschen abtun, dem Rand, in dem sich in jeder Gesellschaft einzelne Gruppierungen in radikalem Ansichten suhlen. Das ist ohne Realitätsverweigerung nicht mehr möglich. Es mag hart klingen, doch eine Atmosphäre von Angst und Verunsicherung hat unsere Gesellschaft nach rechts rutschen lassen. Abstoßendes und widerliches Gedankengut wurde massentauglich – und ja, diese Schärfe ist von Nöten!

Die gebildeteren Schichten in Deutschland haben sich gerne in einer gewissen Arroganz gesonnt. Zwar fällt es immer noch schwer, sich als patriotischer Deutscher zu präsentieren, doch fleißig wurde mit dem Finger auf andere gezeigt, vorzugsweise auf das vermeintliche Aushängeschild unserer westlichen Kultur. Eine eigene Kultur ginge den Amerikanern ohnehin ab, die Politiker sind Kriegstreiber, ohnehin eine militarisierte und verdummte Gesellschaft, das bei genauer Betrachtung nicht über den Status eines Dritte-Welt-Landes hinauskommen kann. Alle Mexikaner als Vergewaltiger klassifizieren und damit politische Karriere machen? Hier unmöglich! So und so ähnlich habe auch ich selber oft gesprochen. So rede ich bezüglich vieler Aspekte auch heute noch. Nur wird man nun jegliche unterschwellige Selbstherrlichkeit restlos verbannen müssen, möchte man sich nicht der Heuchelei hingeben.

Seit dem vergangenen Herbst schwirrt mir permanent ein Lied im Kopf, möglicherweise auch maßgeblich an einem Sinneswandel meinerseits beteiligt: Willkommen in Deutschland von den Toten Hosen. Auf dem letztjährigen Rock am Ring gab es eine Neuauflage dieses Songs mit leicht verändertem Text.

Dies ist das Land, in de so viele schweigen, wenn PEGIDA auf die Straßen geht, um der ganzen Welt und sich selbst zu beweißen, dass die Deutschen wieder die Deutschen sind. Ich für mich selber habe beschlossen, nicht mehr zu schweigen. Ich für mich habe beschlossen, mich in jeder diesbezüglichen Diskussion einzumischen, egal wo ich auf sie stoßen werde. Und ich habe für mich beschlossen, zu gewinnen – jedes einzelne Mal! Das letzte Wort wird bei mir bleiben! Ohne Zweifel, der Kosten-Nutzen-Faktor wird überschaubar sein, ist überschaubar. Aber, wenn auch nur ein Einzelner sich die eine Sekunde nimmt, für einen Moment innehält und nachdenkt, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Fünfhunderdreiundvierzig Wörter habe ich bislang geschrieben und noch mit keiner Silbe konkretisiert, um was es überhaupt geht. Ich denke trotzdem, das jeder Leser es genau weiß: Es geht um Flüchtlingsströme, die seit Wochen und Monaten die Menschen auf die Straße locken, es geht um brennende Heime und grenzenlosen, nein, eher gedankenlosen Hass. Jahrzehnte lang hatten wir Stabilität in Nordafrika, ehe der arabische Frühling die zarte Pflanze der Demokratie säte, ehe diese wieder ausgerissen und in Bürgerkriegen verbrannt und vergraben wurde.

Über Jahrzehnte hat der Westen seinen Wohlstand genährt und ausgebaut, häufig auf Kosten der restlichen Welt. Der kalte Krieg, der raubtierhafte Kapitalismus, der grenzenlose Egoismus von Nationen und Gesellschaften, sie haben tiefe Spuren hinterlassen, letztlich das Fundament für IS und Konsorten geschaffen. Leidtragende sind die armseligen Gestalten, die nun alles riskieren müssen, um mit irgendeinem überladenen Frachter im Mittelmeer zu ersaufen, die, sollten sie diese Tortur überstehen, im besten Fall verunglimpft und beschimpft werden, die mit Feuer und Hass empfangen werden.

Es war nicht meine Generation, die die Krise verursachte und verschuldete, die sie ihre Wurzeln schlagen ließ. Aber es war auch meine Generation, deren Schutz, deren Reichtum mit Blut und Elend in anderen Ländern erkauft wurde. Und verdammt noch mal es ist unsere, es ist meine Schuld, wenn sich diese Geschichte wiederholen wird! Ich bin in der Verantwortung, wir sind in der Verantwortung! Wir haben sie nicht gewählt, wir haben sie aufgebürdet bekommen. Und doch haben wir sie inne. Daran kann und darf es keinen Zweifel geben. Wir alle habe diese Verantwortung. Dieser Welt gegenüber, den kommenden Generationen gegenüber, uns gegenüber.

Es ist auch mein Land und ich will nicht, dass ein viertes Reich draus wird. Auf dem Höhepunkt von Hitlers Macht erschuf Charlie Chaplin einen unglaublich intensiven, ewig aktuellen Aufruf an die Menschheit, an die Menschlichkeit. Sechsundziebzig Jahre später haben wir immer noch nichts dazu gelernt – im Gegenteil. Tendenzen eins ungesunden Nationalismus, der Wille nach einer neuen Zerstückelung Europas macht sich breit. Du bist Deutschland, wir sind Deutschland – soll doch der Rest schauen, wo er bleibt!

Wenn ich ehrlich bin, ich will das hier nicht schreiben. Was ich schreiben möchte ist, das ich für eine konsequentere und härtere Integrationspolitik plädiere. Das jeder, der nach Deutschland kommt um hier zu leben, Land, Sprache und Kultur erlernen und verinnerlichen muss, das wer sich dem verweigert hier nichts verloren hat und wieder rausgeworfen gehört. Was ich schreiben möchte ist, dass die Lage in den nächsten zwei, drei, vier oder gar mehr Jahren erstmal sich verschlechtert, dass es brutal schwierig wird und uns eine ganze Menge Probleme ins Haus stehen – das wir das aber dennoch schaffen können und werden!

Bis auf den letzten Halbsatz kann und werde ich das aber nicht schreiben. Ich wurde in meiner Meinung radikalisiert, ich wurde in ein Extrem gezwungen. Mir wird durch die öffentliche Meinung das Gefühl vermittelt, keine andere Wahl zu haben. Gewähre ich der vermeintlichen Gegenseite dieses Zugeständnis, den leichten Zweifel, so wird sich dieser auf diesen stürzen und alles andere außer Acht lassen. Wir kennen kaum noch mehr als zwei Personen, den Gutmenschen und den besorgten Bürger – und wenn ich zur Wahl gezwungen werde, fällt die Entscheidung eindeutig auf den Gutmenschen.

Die ohnehin schon selektive Wahrnehmung des Menschen wurde deutlich weiter verdünnt, es werden bewusst Scheuklappen angelegt, nur das gesehen, was gesehen werden will. Dresden protestiert gegen die Islamisierung des Abendlandes und eine Ausländer-Welle, trotz kaum mehr als nur 4% Ausländer-Anteil, Björn Höcke führt Prognosen der Bevölkerungsentwicklung Afrikas auf die ‚biologische Natur‘ der Afrikaner zurück und auch ich werde hier nicht die Ereignisse der Kölner Silvesternacht (weiter) ansprechen und thematisieren.

Es gibt viele seriöse und auch tatsächlich repräsentative Studien bezüglich der Gewalt Jugendlicher. Viele, meiner Meinung nach zu viele, kommen zu dem Ergebnis, das ein Großteil der Gewalttaten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen werden. Zwar hat das unmittelbar nichts mit der Flüchtlingskrise zu tun, wird aber doch gerne als Argument genutzt. Wer verhindert schließlich, dass wir gerade die Verbrecher von morgen ins Land lassen?

Diese Gewalttaten sind ohne jeden Zweifel ein gesellschaftliches Problem! Ein großes und wichtiges Problem, das angegangen und behoben werden muss. Konkrete Zahlen habe ich aus zweierlei Gründen nicht genannt: Erstens unterscheiden sich diese von Studie zu Studie, verändern sich mit der Zeit und sind häufig auch nur Definitions- und Auslegungssache. Zweitens sind sie irrelevant. Sie sind nur die Ausgeburt, veranschaulichen, was man ohnehin zu wissen glaubt – und in dieser Angelegenheit ist die Lage klar. Nein, deutlich wichtiger sind die Ursachen, denn wenn ich die Ursachen kenne, kann ich gegen diese angehen und letztlich das Problem beseitigen. Die Krankheit bekämpfen, nicht die Symptome.

Und hier sind sich die mir bekannten Studien, ironischerweise kenne ich die meisten dieser Studien von Menschen, die gerade gegen Ausländer wetterten, einig: Auslöser ist eine verfehlte Integrationspolitik. Und sie erwähnen explizit, das kein kultureller Hintergrund als Ursache für Kriminalität gewertet werden kann!

Diese Studien werden instrumentalisiert, um das genau Gegenteilige zu erreichen. Sie plädieren für eine bessere Integrationspolitik, werden aber genutzt um über Flüchtlinge zu schimpfen. Sie verurteilen Gewalt und doch werden in, glücklicherweise nur in vereinzelten Fällen, ihrem Namen Heime angezündet. Hier wäre eigentlich der Zeitpunkt gekommen, einen Moment inne zu halten und das Gehirn an Stelle des Feuerzeuges zu bemühen.

Hier knüpft auch ein Argument an, dass ich während einer solchen Diskussion las und das in meinen Augen exemplarisch für die dumme Vereinfachung und Polemik der Debatte genommen werden kann. Ich zitiere:

Es geht um Erziehung und Wertevermittlung, und die ist im arabischen Raum noch mittelalterlich ausgeprägt. Wenn wir Säuglinge aus Syrien hier aufnehmen würden, die in einer deutschen Pflegefamilie aufwachsen, dann werden diese sich auch nicht von deutschen Durchschnittsbürger unterscheiden […].
Aber einen 20 jährigen jungen Mann sein verkehrtes Weltbild auszutreiben und ihn an unsere Werte heranzuführen – das klappt einfach nicht, so viel sollte man in den letzten 50 Jahren seitdem die Gastarbeiter aus Südeuropa herkamen, doch gelernt haben. Auch ihren Kindern kann man kaum helfen, da sie in einer abgeschotteten Parallelgesellschaft aufwachsen und dieselben mittelalterlichen Werte vermittelt bekommen, die ihre Eltern aus der Heimat mitgebracht haben. So sieht’s aus.
Man kann nur begrenzt helfen. Integration kann man nicht erzwingen, wenn man das wollte, müsste man den Eltern ihre Kinder nehmen und einer Pflegefamile geben, die das Kind wohl erzieht.“

Das erste, was hier ins Auge springt ist zwar keine mittelalterliche, aber eine imperialistische Floskel: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Es wird automatisch angenommen, dass die Werte im arabischen Raum mittelalterlich und somit minderwertig sind, ohne auch nur im geringsten näher zu bestimmen, was denn hier so schlecht sein soll. Diese Arroganz und Ignoranz finde ich persönlich zum Kotzen – und wird gleich noch explizit gesteigert. Das verkehrte Weltbild müsse denen ausgetrieben werden, um dann vernünftige und gute, sprich deutsche, Werte den entsprechenden Personen einzubläuen.

Die restliche Argumentation ist im Prinzip nichts anderes, als das es erhebliche Probleme mit Wertvorstellungen dieser Menschen gebe, diese aber nicht lösbar sind. Hier ist schonmal eine prinzipiell falsche Annahme, vermutlich in erster Linie weil die entsprechende Person entweder nicht mutig oder nicht klug genug war, um den eigenen Gedanken zu Ende zu bringen. Es gibt keine Probleme ohne Lösung, nur wie diese aussieht ist die Frage. Nehmen wir an, die Situation stelle sich so aussichtslos dar, wie oben beschrieben. Die Parallelgesellschaften einfach weiter existieren zu lassen kann keine Option sein, da es offenbar erhebliche Probleme mit diesen gibt. Integration scheint ebenfalls aussichtslos. Und da die Migranten bereits seit einem halben Jahrhundert unter uns weilen ist es auch ausgeschlossen, sie einfach wieder in ihre Herkunftsländer abzuschieben. Wie also sollte man der Problematik her werden?

Genozid! Eine einfache und saubere Lösung, in letzter Konsequenz auch die einzige Möglichkeit um dem obigen Szenario her zu werden. Sicher gibt es noch ein paar Zwischenschritte davor, Boykott muslimischer Läden beispielsweise, verschiedene Progrome oder Konzentration der Problemmenschen auf kontrolierbare Stadtviertel oder Lager. Kommt das bekannt vor?

Ich sage nicht, dass die oben zitierte Person einen neuen Holocaust beschwören möchte. Ich sage aber, dass dieser in letzter Konsequenz unausweichlich ist. Ebenso unausweichlich wie eine erneute Welle des (kulturellen) Imperialismus, um die bestehenden mittelalterlichen Verhältnisse im arabischen Raum, die mittelfristig, oder genau genommen auch schon seit einigen Jahren, das politische und soziale Gefüge in Europa bedrohen können auszumerzen. Hier geht es keineswegs um humanitäre Hilfen, um der Bevölkerung das Leben zu erleichtern, um Infrastruktur zu erschaffen oder effektivere Technologien, abseits von modernster Waffensysteme, in diese Länder zu bringen. Hier geht es um einen knallharten Eroberungsfeldzug, um die ‚Christianisierung des Morgendlandes‘ um minderwertige Ideologien zu verbannen und die westliche, d.h. die einzig wahre, Geisteshaltung dort zu etablieren.

Entfernen wir uns vom Beispiel, bleiben aber beim Punkt des Kultur-Imperialismus, der eine weitere Ironie enthält: Die Islamisierung des Abendlandes wird als Kampf- und Wahlspruch genutzt. Es wird somit ein Wandel der Geisteshaltung angedeutet, ein gewisser Prozess von einem Ausgangspunkt hin zum Islam. Der Auslangspunkt ist mehr oder weniger klar: vom Christentum und seinen Werten. Man könnte zynisch fragen, wieso urplötzlich an dieser Stelle der Glauben und die christliche Kirche auf einmal wieder an Relevanz gewinnen, wo sie zuvor doch von einer Mehrheit konsequent ignoriert wird oder gar als eine Art Feindbild herhalten muss.

Ich bin ein gläubiger Christ und ich sehe nichts in der aktuellen Debatte, was meinen moralischen und ethischen Werten entspräche – ganz im Gegenteil. Wird nicht immer und immer wieder die Nächstenliebe als das höchste Gebot genannt? Wird nicht immer und immer wieder explizit die Liebe zu den Anderen, zu den Ungläubigen und Pharisäern, als das entscheidende und höchste Gut genannt? Ein gedeckter Tisch im Angesicht der Feinde, die andere Backe hinhalten.

PEGIDA läuft den Idealen entgegen, PEGIDA müsste sämtliche Muslime, wie auch alle andern Menschen, mit offenen Armen empfangen, die Bibel und ihre Inhalte tatsächlich ehren und predigen – dann würden sie wirklich gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes vorgehen. Nicht mit Hass, nicht mit Ausgrenzung oder Feindschaft. Mit Liebe und Freundschaft.

Um kurz diesen Gedankengangvollends abzuarbeiten: Mein Religionslehrer erzählte uns vor einigen Jahren von den Wochen und Monaten nach den Attentaten vom elften September. Ein mittelhoher Offizier, ich weiß nicht mehr ob von Bundeswehr oder gar von den Amerikanern, war zu Besuch, erklärte den War against Terror und beantwortete den Schülern fragen. Eine Frage war nach seiner persönlichen Meinung zu den militärischen Einsätzen. Vor der Klasse antwortete er mit der offiziellen Richtlinie, doch nach dem Unterricht hätte er meinen Lehrer zur Seite genommen und ihm gesagt, er habe bei George W. Buchs Bekanntgabe an die Bibel denken müssen. Wäre es nicht besser, die andere Wange hinzuhalten?

Gewalt erzeugt weitere Gewat, Fanatismus weiteren Fanatismus. Die asynchronen Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts sind eine neue Erfahrung für die Menschheit, ihnen mit den klassischen Methoden der Kriegsführung entgegenzutreten hat sich als hochgradig ineffizient erwiesen. Terrorismus gründet sich auf Angst und Hass – folglich kann der War against Terror nur gewohnen werden, in dem den Terroristen ihr Nährboden entzogen wird, mit Aufklärung und vor allem mit einer vernünftigen Perspektive.

Schlagen wir den Bogen zurück, ins hier und jetzt. Laut Bundeskriminalamt gab es im Jahr 2015 insgesamt 163 Gewalttaten gab es gegen Asylbewerberheime, davon 76 Brandstiftungen sowie weitere elf Versuchte. Einer dieser Anschläge war in meinem Nachbardorf. Keine 250m von dem Fußballplatz, auf dem ich zweimal die Woche trainiert habe, ist ein, Gott sei Dank noch unbewohntes, Haus abgebrannt. Soviel im Übrigen zum Thema der christlichen Werte – außer natürlich man legt mittelalterliche Maßstäbe an und möchte zum nächsten Kreuzzug aufrufen.

Die offenbleibende Frage dabei: Was soll damit bezweckt werden? Glauben die Täter, und jene die das Gutheißen oder mit ihrer Rhetorik fördern, dass sich die Regierung dadurch erpressen ließe? Dass dadurch weniger Flüchtlinge kämen? Oder wollen sie einfach nur ein paar Steuergelder im wahrsten Sinne des Wortes verbrennen?

Übrigens, die EU-Verordungen definieren einen terroristischen Akt als eine Tat, welche „mit dem Ziel begangen [wird], die Bevölkerung auf schwerwiegende Weise einzuschüchtern, Strukturen eines Landes […] zu destabilisieren oder zu zerstören oder die Regierung zu einem Unterlassen bestimmter Handlungen zu zwingen.“ Ist ziemlich nah dran, oder?

Obige Gedanken sind alle sehr abstrakt, vor allem ideologischer Natur, haben mittelbar sehr wenig mit Realpolitik zu tun. Hier aber zunächst eine Grundsatzfrage: Was ist wichtiger? Will ich ein weltoffenes, in einer globalisierten Welt verankertes Deutschland haben, dass seinen propagierten christlichen Werten auch Taten folgen lässt und das eine gewisse Vorreiterrolle an- und einnehmen kann? Oder will ich hier mein eigenes Süpplein broddeln und politisch wie gesellschaftlich das ein oder andere Jahrzehnt zurückreisen?

Tendentiell gestellte Fragen, natürlich. Aber im Prinzip ist es so einfach. Wir leben in einer Welt in der der Zusammenbruch des nordamerikanischen Häusermarkts Griechenland in die Staatspleite treiben kann. Es gibt nur ein Land das sich erfolgreich diesen Mechanismen entziehen kann – und ob die nordkoreanische Lage für die Bevölkerung erstrebenswert ist bleibt zumindest diskussionswürdig.

Und jetzt kommt eine Partei daher, die kaum was anderes sagt als scheiß drauf, Bürgerkriege haben wir hier nicht, ist nicht unser Problem und Deutschland den Deutschen! Profitiert hat man lang genug, beim Nehmen ist man deutlich besser als beim Geben. Eine Verantwortung dem restlichen Planeten gebenüber gibt es ja nicht!

Und sie wird mit Begeisterung aufgenommen – großer Begeisterung. Und ich kann es beim besten Willen nicht verstehen. Was genau findet man an der AfD? Auf öffentlich-wirksamer Ebene sehe ich nichts als eine offene Anlehnung an Nazi-Rhetorik, ein aggressiv vorgetragene Wutbürger-Polemik und Parolen gegen die Presse, die insbesondere als Totschlag-Argument hervorragend funktionieren. Die Beschreibung rechts-populistisch passt wie die Faus aufs Auge. Kann mir irgendjemand die Faszination erklären? Bis auf ‚Gegen das etablierte System!’und der einhergehenden anrüchigen Versuchung des ‚Verbotenen‘ sehe ich rein gar nichts.

Und inhaltlich? Wofür steht die AfD denn überhaupt inhaltlich? Sie inszeniert sich am rechten Flügel und ist für eine veränderte Flüchtlings- und Integrationspolitik. Und sonst? Ich habe knapp ein Dutzend TV-Auftritte von Petry, Höcke und Co gesehen, ohne dass da irgendeine konkrete Position hervorkam. Die meiste Zeit verbringen diese Politiker damit, sich selber in die Opferrolle zu drängen und gegen Medien und Etablierte zu hetzen. Würde man dem geleakten angeblichen Parteiprogramm (die wichtigsten Punkte werden hier zusammengefasst) der AfD Glauben schenken, wäre die Richtung klar: antidemokratischer Polizei- und Überwachungs-Staat, mit staatlich kontrollierter Presse, einer privilegierten und reichen Oberschicht, sowie stark gekürzten sozialen Leistungen.

Der Wahrheitsgehalt dieses Programms wurde zwar dementiert, allerdings sind diverse Punkte hiervon in verschiedenen anderen, auch von der AfD selbst, veröffentlichten Quellen, wie Afd-Leitlinien oder ihre Antworten zum Wahl-O-Maten, zu finden. Beispielsweise fordert die AfD diverse Kürzungen der Sozialleistungen, da diese die Selbstständigkeit der Bürger untergrabe, eine Reichensteuer oder dergleichen sei nicht nötig, der moralische Grundsatz ‚Reichtum verpflichtet‘ sei ausreichend und eine Intensivierung der Videoüberwachung öffentlicher Räume sowie eine Stärkung der Polizei sei von Nöten um der „immer prekärer werdenden Sicherheitslage“ (Wahl-O-Mat, Frage 22) in Deutschland Herr zu werden.

Beachtlich ist dabei insbesondere der Mangel an Transparenz. Aus den öffentlichen Statements lässt sich nur recht wenig über inhaltliche Positionen der Partei ableiten. Auf der offiziellen Website ist noch immer nur deren Programm zur Bundestagswahl 2013, sowie zu den Europa-Wahlen 2014 zu finden, das aktuellste diesbezüglich ist ein Thesenpapier aus dem vergangenen Sommer – trotz Bundestagswahlen im vergagenen Monat.

Im Prinzip gibt es also nichts aktuelles offizielles zu der Stellung der Partei zu politischen Fragen. Das ist insbesondere deswegen verwunderlich, da die Partei im vergangenen Sommer einen Machtkampf durchlief, in dessen Folge ihr Gründer Bernd Lucke die Partei verließ, u.a. da diese sich „grundsätzlich verändert“ habe. Tatsächliche inhaltliche Statements muss man rgelrecht suchen, beispielsweise in dem man sich durch die 36 Fragen des Wahl-O-Maten durchklickt oder in dem man auf einzelne Interview-Fetzen hofft. Gewissermaßen eine komfortable Position: Man wird nicht auf einzelne Punkte festgenagelt, alles, wie z.B. das oben genannte Programm oder die Äußerungen von Partei-Mitgliedern, kann dementiert oder als persönliche Meinung Einzelner abgetan werden.

Und so bleibt man auf der oberflächlichen und plakativen Ebene, kann die Situation emotionalisieren und sich als Gegenentwurf der Alt-Parteien oder der Lügenpresse inszenieren, als Kämpfer für den kleinen Mann und patriotischen Retter Deutschlands. Zweifelsohne ein genialer Schachzug. Man polarisiert, kassiert so gekonnt der Unzufriedenen ab, die überhaupt nicht wissen, mit was man überhaupt unzufrieden ist. Es gibt kaum einen Spielraum und ein Abwägen, das man mit einigen Punkten übereinstimmt, mit anderen weniger, man ist entweder prinzipiell für oder gegen die AfD. Dabei hat sie es sogar geschafft, diesen Punkt abzuwandeln: Ist man gegen die derzeitige Lage in Deutschland, und es gibt mehr als genug Punkte zur Kritik, dann ist man für die Alternative.

Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht liest das hier irgendein überzeugter Wähler, der mir die einzelnen Punkte schmackhaft machen kann, der mir erklären kann, wieso ausgerechnet die AfD die Wende schaffen kann und wie sie das bewerkstelligen will, was ihre konkreten Ideen sind und für was sie steht. Ich werde mich gerne überzeugen lassen!

Bis das geschieht, wird meine Meinung aber bestehen bleiben: Bald wird die Emotionalität der öffentlichen Meinung nachlassen, bald wird eine gegen alles und jeden Position nicht mehr ausreichen, bald wird man sich wieder mehr auf Inhalte konzentrieren müssen. Und sobald nicht mehr Fraukes selbstherrliche Kritik an alles und jedem oder Höckes menschenverachtende Parolen im Fokus stehen, dann wird sich wieder Themen zugewandt werden müssen. Dann wird es darum gehen, wie man alleinerziehenden Eltern ihre Mittel kürzt, da sie sich bewusst für diese alternative Lebensweise und gegen das klassische Familienbild gestellt haben, wie man Ausländerquoten an Schulen einführt oder finanzielle Solidarität zwischen Arm und Reich nicht mehr staatlich forciert, sondern auf moralischer, d.h. freiwilliger statt gesetzlicher, Basis erfolgt. Und dann, sobald tatsächlich wieder diskutiert wird, mit Argumenten statt Gefühlen, dann sehe ich keinen Grund, wieso die AfD irgendein breiteres Klientel bedienen könnte.

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11 Kommentare zu “Es ist auch mein Land”

  1. Danke für deinen Artikel. Ich halte ihn für sehr wichtig. Während des Lesens ist mir erst bewusst geworden, mit wie vielen Belanglosigkeiten ich mich in letzter Zeit beschäftigt (oder abgelenkt) habe. Ich finde es so furchtbar, dass man nicht inhaltlich diskutieren kann, weil sofort mit einem panischen „die Flüchtlinge uns alle umbringen/vergewaltigen/hier Angstszenario deiner Wahl einfügen werden“ reagiert wird oder die Milliaaaarden angesprochen werden, die jeder von der Bundesregierung als Geschenk bekommt, dafür dass er äh naja, bekommt man halt. Isso. Ô.o

    1. mir kommt da, um den Bogen zurück zum Film zu schlagen, immer Men in Black in den Sinn: „A person is smart. People are dumb“
      naja, was heißt hier mit Belanglosigkeiten ablenken. Die Zeiten werden sich auch wieder ändern, derzeit ist die AfD nicht mehr als ein Strohfeuer, die auf der Flüchtlingswelle mitreiten. Aber das Problem wird zwar nicht in naher Zukunft gelöst werden, die Öffentlichkeit wird daran aber ihr Interesse verlieren, so wie an Ebola, so wie am Flug MI was auch immer, an der Krim-Krise oder was auch immer
      und jetzt, wo die AfD tatsächlich in dem ein oder anderen Parlament sitzt werden sie sich von der polemischen Ebene entfernen und tatsächlich auch regieren müssen. Optimistisch hoffe ich, dass sie bald ebenso von der Fläche verschwinden, wie die Piraten damals
      und – das Leben geht weiter 😉
      man darf das eigene Leben nicht vom Terrorismus dominieren und bestimmen lassen, noch weniger von diesen Möchtegern Brandstiftern

      1. Ein sehr wahres Zitat!
        Janee, die AfD mein ich gar nicht, aber die Flüchtlingskrise brodelt ja nun schon länger und die Ursachen für die ganzen Flüchtenden gehn ja nich einfach weg. Ich mache mir eher Sorgen darum, dass es so vielen Menschen aufgrund von politischem Hin und Her und dem Spiel mit der Angst vor Andersartigem(/n) weiter schlecht geht. Und währenddessen sitze ich hier und überlege welchen Laptop ich mir kaufen soll. Der Kontrast ist halt fies krass. 🙂
        Die Öffentlichkeit hat oft eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne, da hast du Recht. Also vielleicht beruhigt sich da auch wieder vieles, ich finde es nur beunruhigend wie unvereinbar die beiden Lager (alle reinlassen und alle mit allen Mitteln anwehren) schon seit Monaten sind.
        Word! ^^ Das eigene Leben selbst zu bestimmen ist ein guter Plan. 🙂

    1. oh, hab ganz vergessen auf den zweiten Kommentar noch zu antworten

      herrliches Interview! Das persönliche Highlight: So funktioniert Pressefreiheit 😀

      1. Kein Ding, ich kam ja auch den ganzen Tag nich zum Antworten (niemals hätte ich das verpeilt oder so! O.o)
        Ich fand es krass, wie oft sie ihm gesagt hat, dass er da wohl was falsch verstanden hätte und hätte gern nen Counter gehabt für „Das haben wir so nicht gesagt“, „Das wurde falsch interpretiert“, „Wir haben das deutlich kommuniziert“ und „Das hat xy gesagt, ist aber nicht die Meinung der Partei“.
        Fragt sich natürlich, wie Leute das Interview sehen, die die Partei oder die Leaderin mögen …

      2. naja, ich werd mich sicher net über späte Antworten beschweren 😀 (schrieb er drei Tage später)

        das Ende war auch schön 😀 der Gedankengang: „die steht jetzt aber netauf und geht ohne ihm die Hand zu reichen? ach, ne, nur die Kameraeinstellung… warte, doch, die schüttelt net die Hand und verschwindet einfach“ 😀

        man stelle sich einfach mal ein solches diplomatisches Geschick tatsächlich am Ende in der Regierung vor

      3. Kein Ding. Ich wollte am WE bloggen. Hat ja auch super geklappt … 😀

        Ja, ich hab auch kurz überlegt, ob ichs einfach verpasst hab. ^^‘ Dafür war die Mitarbeiterin angenehm verwirrt, die die Tür aufgehalten hat. Glaube er hat die sogar einfach selbst ungeduldig hinter der Nicht-Handschüttlerin zu gemacht oder so. Hab übrigens gehört, dass das Interview von anderen Journalisten kritisiert wurde, aber leider noch nicht rauagefunden wo …

      4. naja, beim Intro hab ich scho gedacht, dass das ziemlich reißerisch wirkt und man muss auch sagen, dass der Typ es darauf angelegt hat, die Petry bloßzustellen. Nur hat sie ihn eben regelrecht dazu eingeladen

        wenn jmd. anders so vorgeführt wird, hätte ich es möglicherweise kritisiert (falls ichs überhaupt gesehen hätte 😀 ), bei Leuten wie der Petry und der AfD (für die sie stellvertretend steht) aber, die selber 90% ihres ‚Ruhms‘ mit Medien- und Massenmanipulationen ernten ist das ein herrlicher und sehr amüsanter Schnitt ins eigene Fleisch

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